Die Reise ins „Gasland" 

FGBO besucht mit Umweltaktivist Andreas Rathjens die Erdgasförderstellen im Landkreis Rotenburg

Landwirt Andreas Rathjens zeigt den Mitgliedern der FGBO eine der umzäunten Erdgasbohrstellen. Von dem abschüssigen Gelände läuft das kontaminierte Oberflächenwasser in die Umgebung

22.06.‘19

Von Uwe Dammann

Sie stehen plötzlich da. Mitten im Grünen. Zumeist am Rande eines gut ausgebauten Wirtschaftsweges, vollständig eingezäunt, das Gelände gepflastert oder asphaltiert – und das Betreten der Anlage ist strengstens untersagt. Die Erdgasförderstellen im Landkreis Rotenburg liegen am Rande kleiner Dörfer mit Namen wie Hemslingen, Söhlingen oder Bellen und werden von den großen Energiekonzernen, wie Wintershall DEA oder Exxon Mobil betrieben. Mit zum Teil verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt und damit auch möglicherweise auf die Menschen, die auffällig häufig in der Region an Krebs erkranken. Über 200 Rotenburger Ärzte haben bereits in einer gemeinsamen Erklärung auf die hohen Krebserkrankungen hingewiesen und mahnen dringend eine Ursachenforschung an. Gründe genug also für die Ottersberger FGBO sich mit dem Umweltaktivisten und Landwirt Andreas Rathjens auf „Tour" ins Gasland zu begeben. Und das vorweg: was die Gruppe auf der Tour, die FGBO-Vorstandsmitglied Brigitte Mittendorf gemeinsam mit Birgit Münkner von der Initiative NoMoorGas organisiert hatte, zu sehen bekam, wirft kein gutes Licht auf die Sicherheit der Anlagen.

Tourleiter ist in diesem Fall Andreas Rathjens, der in Rotenburg in den eigens von der FGBO gemieteten Kleinbus einsteigt. Am Steuer sitzt der Fischerhuder Ortsbürgermeister und Bürgerbusfahrer Wilfried Mittendorf (FGBO).

"Das ist meine Heimat"

Andreas Rathjens kämpft schon seit Jahrzehnten gegen diese Anlagen, weist auf die zum Teil haarsträubenden Umweltmängel hin. „Das hier ist meine Heimat und ich will nicht, dass die Energiekonzerne sie zerstören", sagt er zu seinem außergewöhnlichen Engagement. In den 80er Jahren musste er noch herausfinden, wo überhaupt die Anlagen stehen. Ein Indiz boten da die Telefonmasten an Wirtschaftswegen, die scheinbar ins Nirgendwo führten, aber dann oft an einer Erdgasförderstelle endeten. Zurzeit gibt es 45 aktive Anlagen im Kreis Rotenburg.

"und ich will nicht, dass die Energiekkonzerne sie zerstören"

Andreas Rathjens kennt sie offensichtlich alle – manche von ihnen fördern Erdgas inmitten von Wasserschutzgebieten, aus denen die gesamte Region ihr Wasser bezieht, empört sich Rathjens und verweist auf die sogenannte Rotenburger Rinne, die hier verläuft. Die Rotenburger Rinne ist ein eiszeitliches Rinnensystem, das große Mengen Grundwasser in bis zu 400 Meter Tiefe mit sich führt. Die geologische Formation erstreckt sich von der Aller bis zur Elbe. „Wenn so eine Bohrung in einem Wasserschutzgebiet stattfindet, habe ich immer ein ungutes Bauchgefühl", sagt Rathjens.

Benzol, Quecksilber und weitere Schadstoffe

Bei der Förderung von Erdgas in bis zu 4500 bis 5000 Metern Tiefe fällt Lagerstättenwasser, das hochgradig mit Benzolen, Quecksilber und weiteren Schadstoffen belastet ist, an und muss entsorgt werden. Aber leider scheinen es die Konzerne auf den Plätzen mit dem Austreten von Schadstoffen in die Umwelt, in Boden sowie Luft, nicht so genau zu nehmen, sagt Rathjens. Der Landwirt zeigt auf der Tour etliche Einleitungen von Oberflächenwasser, die von den abschüssigen Geländen der Förderstationen in die umliegenden Gräben führen. „Jede Pommesbude scheint besser gesichert zu sein, als so eine Anlage", empört sich der Ottersberger FGBO-Vorsitzende Harald Steege beim Anblick der Rohre. Was da genau versickert, lässt sich nur bei einer genaueren Untersuchung feststellen, die aber bereits beispielsweise vom NDR in einer Reportage über das Gasland in Auftrag gegeben wurde. Dabei stellte das vom NDR beauftragte unabhängige Labor hohe Anteile von Ölgemischen oder Quecksilber im Erdreich in unmittelbarer Nähe der Anlagen fest. Die belastete Erde, so der NDR, gehöre eigentlich auf eine Sondermülldeponie.

Grünkohl in 100m Entfernung verkümmerte

Andreas Rathjens selbst hat ebenfalls eigene Versuche unternommen und beispielsweise an der Reststoffbehandlungsanlage in Söhlingen in 100 Metern Entfernung Grünkohl angepflanzt, der wegen der großen Oberfläche seiner Blätter Schadstoffe aufnehmen kann und als wichtiger Indikator für Umweltbelastungen gilt. Schon nach wenigen Wochen sei der Grünkohl nach und nach verkümmert. Bei Untersuchungen wurde eine Belastung mit dem Schadstoff Toloul festgestellt. Toluol ist ein aromatischer Kohlenwasserstoff und ist unter anderem auch in Benzin enthalten. Für Rathjens ist das ein klarer Indikator, dass die Belastungen durch die Anlage nicht nur über die Entwässerungsproblematik verursacht werden, sondern auch über Luftemissionen. Die Anlage steht übrigens in der Nähe des kleinen Dörfchens Bellen, in dem in vielen Haushalten Personen an Krebs erkrankt sind.

Stuckenborstel ist nicht weit

Die einzelnen Stationen alle aufzuführen, die Rathjens mit der FGBO ansteuert, würde hier zu weit führen. Rathjens weist noch darauf hin, dass es eine alte Bohrschlammgrube mit giftigen Schadstoffen in der Nähe von Stuckenborstel, unweit der Ottersberger Hochschule für Kunst und Kunsttherapie gibt. „So belastet wie die Deponie ist, die im Bereich der Wieste sowie des Wümme-Nordarms liegt, hätten wir und die Gemeindevertreter von Ottersberg schon längst vom Landkreis Rotenburg informiert werden müssen", sagt Birgit Münkner von der Initiative NoMoorGas.

Chemieturm unsachgerecht gestappelt

Als letzte Station auf der Gasland-Tour steuert der Bus die Erdgasbohrstelle bei Posthausen-Grasdorf an. Ein hoher Bohrturm ragt hier gen Himmel – und schon bei den ersten Schritten rund um das Gelände bemerkt jeder Teilnehmer den unangenehmen Geruch nach „faulen Eiern". Außerdem fotografiert die Gruppe unsachgemäß gestapelte Fässer mit Chemikalien, die schräg aufeinander gestellt wurden. Wenn so ein „Chemieturm" umgibt, könnte es zu Wasser und Bodenverunreinigungen kommen. Auch diesmal wird Andreas Rathjens aktiv und schickt seine Beobachtungen – fotografisch dokumentiert – an das Wirtschaftsministerium nach Hannover. Und zum Schluss gibt er der Runde der FGBO-Teilnehmer noch den dringenden Rat, alles daran zu setzen, solche Bohrungen in und um Ottersberg zu verhindern. Die negativen Folgen für Mensch und Umwelt könne man sich im Nachbarkreis, aber auch bereits im Kreis Verden in der Nähe von Völkersen anschauen.

Für weitere Informationen zum Thema sind Andreas Rathjens und Vertreterinnen der Bürgerinitiative NoMoorGas zur nächsten Mitgliederversammlung der FGBO am 25. Juni um 19.30 Uhr ins „Haus am See" in Otterstedt geladen.

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Übrigens:

"Wer nichts waget, der darf nichts hoffen."

Friedrich Schiler

Wer ist eigentlich:

Friedrich Bartels

Oberstudienrat i.R., verheiratet, 1 Sohn
Fritz Bartels lebt seit 1993 in Ottersberg. Er war ab 1980 am Cato Bontjes van Beek-Gymnasium in Achim tätig und gehörte zum Gründungsgremium des Gymnasiums Sottrum.

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